Nihilismus

Nihilismus

Margarete Susman, Besprechung von «Der Nihilismus im Licht einer kritischen Philosophie»

Dies schmale, rein philosophische Buch geht uns in unserer gesamten Existenz sehr nah an. Denn indem es zum Gegenstand seiner Untersuchung den Begriff des Nichts macht, der immer entscheidender in den Mittelpunkt der europäischen Selbstbesinnung getreten ist, handelt es nicht nur von einer Frage des Geistes, sondern von unserer gesamten Wirklichkeit: von jener nihilistischen Situation, die Nietzsche in der ungeheuren negativen Prophetie angesprochen hat: «Für das Nichts Gott opfern, dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem Geschlecht, welches jetzt heraufkommt, aufgespart.»

Indem das Buch zunächst der Frage nachgeht, was Nihilismus ist, indem alle halben und vorläufigen Formen, alle Vorformen von ihm abgehoben werden und als der echte Begriff des europäischen Nihilismus der Nietzsches herausgearbeitet wird, gelangt der Verfasser zu der Definition: «Nihilismus ist der Glaube und die Erkenntnis, daß hinter allen Glaubensinhalten, Erkenntnisinhalten und Werten nichts steckt …» Aber diese Ueberzeugung bleibt nicht stehen: «Der Glaube an das Nichts und die Erkenntnis des Nichts hinter allem und jedem haben ihre Folge; diese ist der Wille zum Nichts.» Wiederum mit einem Worte Nietzsches: «Man legt Hand an, man richtet zugrunde.»

Die Entwicklung, die zu diesem ganz realen Endergebnis geführt hat, wird in wenigen Sätzen umrissen und in dem Schlußsatz zusammengefaßt: «Am Beginn des Weges wurde der mittelalterliche, gläubige und demütige Christ zurückgelassen; am Ende des Weges hoffte man einen wissenden und aus eigener Kraft sich seinen Weg weisenden Herrn des Irdischen heraufgeführt zu haben.» – Aber noch während dieser mächtigen Unternehmung vollzog sich ein Umschlag, der aus der Erkenntnis stammte, daß das Ende nicht der Erwartung entsprach. Dieser Umschlag: die Krisis des freien Menschengeistes, erreicht seinen Höhepunkt in Nietzsche. «Der Name Friedrich Nietzsche bezeichnet die Stelle, an welcher der Geist vorauseilend seinen eigenen Fortschritt zu Ende dachte und sich vor diesem Ende entsetzte.»

So steht im Mittelpunkt dieses Buches über den Nihilismus sachlich wie geschichtlich Nietzsche, von dem gesagt ist, daß er immer mehr der Ort wird, an dem sich die Geister scheiden. Denn an ihm vorbei, um ihn herum kommt keiner, der um Wahrheit bemüht ist. Jede Möglichkeit zur Ueberwindung des Nihilismus muß durch ihn hindurchgegangen sein.

Und um eine solche, um Ueberwindung des Nihilismus geht es in diesem Buch durchaus, wenn auch der Weg zu ihr nur erst angedeutet und für seine Ausgestaltung auf ein kommendes Buch des Verfassers verwiesen wird. Durchaus geht es in ihm um eine grundsätzlich veränderte Haltung zur Wahrheit. Was hier bekämpft wird, ist der übermäßige Anspruch des Menschengeistes auf Ganzheit, Absolutheit, auf System und Weltanschauung; denn dieser ist es, der geradewegs zum Nichts geführt hat. Auch der Nihilismus selbst ist noch ein absoluter Anspruch des Geistes, ist noch Weltanschauung. Und wir werden dem Verfasser unbedingt recht geben, wenn er den übermäßigen Anspruch des Geistes verwirft, der Welt und Nichts miteinander identifiziert (wie es am reinsten in der Metaphysik Heideggers geschieht), wenn er überhaupt anstelle jedes unbedingten Anspruches freiwillige Selbsteinschränkung des Geistes, tapferen Verzicht auf einen einzigen eindeutigen Weg zur Wahrheit, fruchtbare Skepsis, kritische Besonnenheit als Weg zur Ueberwindung des Nihilismus fordert.

Ist es aber damit einem solchen Feind gegenüber wirklich getan? Verlangt der Nihilismus in der ganzen Macht und Tiefe, in der er hier erschlossen wird, zu seiner Ueberwindung nicht einen weit mächtigeren Gegner? In der Tat hat der Verfasser schon in die knappe Skizze des Weges, die er entwirft, unvermerkt zwei Begriffe eingeführt, die aus keiner bloßen Selbsteinschränkung des Geistes, aus keiner noch so gewissenhaften und fruchtbaren Skepsis mehr zu erschließen sind: es sind die einander entsprechenden Begriffe Gemeinschaft und Aufgabe. Ihrer allem Erkennen entzogenen Herkunft wird hier nicht nachgegangen, und doch geht sie aus einer Stelle am Anfang des Buches klar hervor. Wenn dort dem Vorwurf Fr. H. Jacobis, Fichtes Idealismus sei durch das Hineinziehen des transzendeten Gottes in ein menschliches System Nihilismus, ausdrücklich recht gegeben wird, dann muß auch gesehen werden, daß dieser Sündenfall des europäischen Geistes auf keine andere Art überwunden werden kann als durch das Wiederheraustreten derselben Wirklichkeit aus dem rein menschlichen System, die dort von ihm überwältigt worden worden war – derselben, von der dann Nietzsche folgerichtig voraussah, daß sie von dem heraufkommenden Geschlecht ganz real für das Nichts geopfert werden würde. Damit ist freilich der Name aufgegeben; aber genau an seine Stelle tritt der sehr viel schlichtere und doch auch unendlich problematisch gewordene der Gemeinschaft. Wie aber der Name laute: der von seiner angemaßten Ueberfülle zurücktretende Geist kann nun dadurch den Nihilismus überwinden, daß er jenseits seiner wieder auf ein Ganzes trifft, das er nicht mehr begreift, sondern das ihn umgreift und in das er sich dienend einfügt.

Aber wenn auch dieser Zusammenhang hier nicht berücksichtigt wird: die aus ihm sich ergebende Aufgabe, diese schlichte philosophisch glanzlose Aufgabe ist in reiner Demut ergriffen. Und auch hier noch wird uns ein Wort Nietzsches, der selbst in seinen drei großen verzweifelten Versuchen aus dem Bannkreis des Nihilismus nicht mehr herausgelangte, mit auf den Weg gegeben: «Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken.» Die «nächsten Dinge», das «Zurück zu den Sachen», die Hinwendung zum schlicht Sachlichen in Wort und Tat im Gegenmsatz zu allem Verstiegenen, Pathetischen, subjektiv Reichen und Uebermäßigen – das ist in der Tat die Richtung, in die uns heute jede Bewährung in Geist und Wirklichkeit drängt. Wie wir im Leben selbst und in großen Kunstwerken unserer Zeit erfahren, wie aus der Hingabe an das Allernächste, aus der Erfüllung all der schlichten alltäglichen Pflichten in einer harten und düsteren Wirklichkeit ein Quell warmer Menschlichkeit aufspringt, der allein uns Hoffnung und Bürge für eine jenseits des Nichts und der Zerstörung wiederzugewinnende Gemeinschaft ist, so kann nach dem großen Sonnenflug und Absturz des Geistes auch ihm nur in der Bewältigung der nächsten und unmittelbarsten Aufgaben so etwas wie Gemeinschaft sich wieder erbauen. Das Buch ist jung und mutig; der verlorene Boden schreckt den Schreitenden nicht. Denn der Aufgaben sind unzählige, und er weist in die ungewisse Zukunft als in unsere eigensten Möglichkeiten. So glauben wir hinter dem Ganzen des Buches, das uns das Nichts in seiner zerstörerischen Tiefe aufgeschlossen hat, auch zuletzt noch die gebrochene und fast schon wahnsinnige Stimme des gewaltigen Nihilisten zu vernehmen, zu dem es hinführt und über den es in seinem eigenen Sinne hinausstrebt: «Erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen.»

Margarete Susman

Besprechung von «Der Nihilismus im Licht einer kritischen Philosophie» von Hermann Levin Goldschmidt, Augustin-Verlag Thayngen, erschienen in: Die Tat, Samstag/Sonntag 4./5. April 1942.