Stiftung Dialogik

Ein fortdauernd kritischer Zeitgenosse

Zum zehnten Todestag von Hermann Levin Goldschmidt

Von Willi Goetschel

erschienen in tachles, 28. März 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 13

Stets mit einer Blume im Knopfloch, war Hermann Levin
Goldschmidt vielen Zürchern eine vertraute Erscheinung. Mit
seinem Tod vor zehn Jahren ist die Welt um einen Menschen
ärmer geworden, dessen persönliches Engagement gerade
darin bestand, der schöpferischen Kraft von Vielfalt und
Differenz Anerkennung zu verschaffen. Die kleine Blume im
Revers symbolisierte dabei allerdings mehr als Stil oder
Laune. Sie signalisierte die Vitalität des Unscheinbaren, den
Widerstand und Widerspruch im Kleinen, aber mehr als das
war sie auch lebendiger Ausdruck einer Zukunftsgewissheit,
die selbstbewusst daran erinnerte, was in der Vergangenheit
an Zukunftsweisendem noch weiterführte als
gegenwartsfixierte Visionen sich hätten träumen lassen.
Nicht zuletzt war es auch ein Vermächtnis des Judentums.
Ausdruck biblischer Hoffnung, stellte die täglich neu
eingesetzte Blume die allein in der Besonderheit des
Einzelnen sich verkörpernde Universalität dar, die immer nur
in der besonderen Konstellation des Hier und Jetzt bewährt
zu werden vermag.

Die Blume war Goldschmidts Sinnbild der so selbstbewusst in
den Alltag getragenen Freiheit für den Widerspruch. Wie
einer seiner ältesten Freunde, Rudolf Zipkes, bemerkte:
«Hermann war auch ein Kämpfer.» So unzeitgemäss wie
Goldschmidts Figur im Stadtbild scheinen oder zuweilen
einzelne Leser seine Schriften beurteilen mochten, seine
Blume im Knopfloch hatte mit der romantischen
Blumenpoetik wenig gemein und war der Bewegung der
Hippies ungleich näher, wie ungern ihre Veteranen auch an
ihre Blumeneuphorik erinnert werden wollen. Aber diese
bedachte Unzeitgemässheit, die Goldschmidt jeden Tag
unbeirrt zur Schau trug, war so gleichzeitig auch Zeichen
einer überraschenden Zeitgemässheit. Und dies gerade weil
sie statt lediglich in der Gegenwart aufzugehen bereit war,
diese als Begegnungspunkt von Vergangenheit und Zukunft
zu begreifen.

Diesen Frühling erscheint sein letzter Text im Passagen-
Verlag in Wien, dem Verlag auch seiner Werkausgabe,
zusammen mit Fotos, die die Karlsruher Fotografin Edith
Moos in den Jahren 1932 bis 1935 aufgenommen hat. In
englischer Übersetzung ist der Text bereits im Herbst als
Anhang zu Goldschmidts «The Legacy of German Jewry»
(New York 2007) erschienen. «Mein 1933» schrieb
Goldschmidt in den letzten Monaten seines Lebens und erhob
damit kritischen Einspruch dagegen, dass nach all dem, was
in der Schoah geschehen war, nun auch noch die
Erinnerungen der Überlebenden und Verschonten kassiert
werden sollten. Das jeweils «eigene 1933» ist deshalb ins
Gedächtnis zu rufen und von jedem einzelnen Menschen
durchzuarbeiten, weil nur mit der Anerkennung jeder
einzelnen Erinnerung an 1933 den verzerrenden Tendenzen
von Geschichtsdarstellung zu entgehen ist. Seit den
achtziger Jahren und mit neuer Intensität in den neunziger
Jahren war man zwar um ein neues Geschichtsbewusstsein
bemüht, aber der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wurde
mit der Verzichtleistung bezahlt, die eigenen Bedingungen
und Voraussetzungen genauer zu hinterfragen.

Mit dem dieser Tage erscheinenden Essay «Mein 1933»
fordert Goldschmidt noch einmal und nun posthum unsere
Aufmerksamkeit. Sein innerer Dialog gibt der Notwendigkeit
Ausdruck, dass doch noch ein öffentlicher Dialog entstehe,
der nicht allein durch das historische, «zeitgemässe»
Interesse an «1933», sondern ebenso sehr durch das
«unzeitgemässe» bestimmt sein muss. Nachträglich wird so
die pointiert kritische Dimension der Dialogik noch einmal im
aktuellen Zusammenhang unabweislich deutlich. «1933», so
macht Goldschmidts letzter Text deutlich, gewinnt umso
dringlicher nachhaltige Bedeutung, als die Notwendigkeit
zum Dialog darüber mit monologischer Fixierung überhört
wird. Und je mehr er übertönt wird, desto notwendiger wird
er.

«Freiheit für den Widerspruch» hiess der aus der Philosophie
als Dialogik erwachsende Ansatz, Widersprüche nicht weiter
entsorgen zu wollen, sondern in ihrer schöpferisch
weiterführenden Bedeutung ernst zu nehmen. In «Das
Vermächtnis des deutschen Judentums» hatte Goldschmidt
ein kritisches Modell der Dialogik entwickelt. Goldschmidt
machte deutlich, dass das Ende des deutschen Judentums
zwar das Ende einer historischen Wirklichkeit bedeutet,
gleichzeitig aber die Transformation in ein zukunftweisendes
und weiter wirkendes Vermächtnis ist, dessen Vision mit
jedem Ruf nach weltweiter Befreiung aller Menschen und der
gegenseitigen Anerkennung aller Nationen, Kulturen und
jedes einzelnen Menschen und seiner unveräusserlichen
Menschenrechte nur umso nachhaltiger zum Ausdruck
kommt.

Im Gegensatz zu traditionell liberalen, aber verhängnisvoll
konventionellen Vorstellungen von Multikulturalismus, die nur
integrative, aber zuletzt repressive Toleranz versprechen,
nämlich ein Zur-Schau-stellen bunten Nebeneinanders, das
ein wirkliches Miteinander gerade vermissen lässt,
argumentiert Goldschmidt, dass gerade erst im pointierten
«Gegeneinander», im Lautwerden und Ernstnehmen der sich
grundsätzlich widersprechenden Differenzen, Begegnung
stattfindet. Erst wo dem Widerspruch in all seinen Gestalten
Stimme verliehen, wo er laut und gehört wird, findet sich die
Möglichkeit echten Miteinanders. Ob dies Natur, Umwelt,
Technik, Wissenschaft oder Gesellschaft, Politik und
Globalisierung betrifft, wo Dialog bloss zum Gespräch, zur
Konversation und Unterhaltung nivelliert wird, Widerspruch
entschärft und entsorgt wird, da herrscht multikultureller
Indifferentismus.

Ein Nebeneinander der Kulturen, Völker und Menschen hat
es immer gegeben. Das Pantheon des römischen Reichs war
ein institutionell sanktionierter Tempel. Gegenseitig
befruchtendes Miteinander, das sich dem Anderssein des
Anderen aber auch zu verdanken weiss, setzt eine
dialogische Einsicht voraus. Dass diese angesichts der
Globalisierung immer unausweichlicher wird, war
Goldschmidts Überzeugung. Im Raumschiff Erde, wie
Goldschmidt diese neue Erfahrung nannte, in dem wir alle
aufeinander angewiesen sind, hängt die erfolgreiche
Kontrolle der Steuerung gerade davon ab, dass diese nicht
mehr länger nur durch die eine oder andere Seite
übernommen wird. Gerade weil der Platz immer enger wird,
schwindet auch der Spielraum, in dem noch eine noch nicht
erwachsene Menschheit ihre verheerenden Fehler machen
durfte. Dieser Spielraum ist im Schwinden begriffen und
monologische Taubheit wird mit steigenden Kosten bezahlt.
Dass dem aber eine befreiende, fruchtbare und auch
beglückende Alternative entgegensteht, wenn wir nur auf die
Stimme des Widerspruchs hören, daran erinnert
Goldschmidts Philosophie als Dialogik. Widerspruch ist so
verstanden gerade nicht die zerstörende und verneinende
Kraft, deren Verantwortung Faust so gerne Mephisto
zugeschoben haben wollte, sondern die Stimme des Lebens.
Diese aber spricht sich in immer wechselnder Gestalt aus,
und zuweilen durch eine Blume im Revers.