Tagung Margarete Susman

Margarete Susman gestern und heute: Zur Aktualität ihres Denkens von Identität, Gender, Politik und Ästhetik

Workshop, München und Zürich

8. und 9. September 2022, München
15. und 16. September 2022, Zürich

Ort: Historisches Seminar der LMU / Deutsches Seminar der Universität Zürich

Margarete Susman (1872–1966) war Dichterin, Philosophin, Essayistin und Kritikerin – im heutigen Sinn eine Kulturtheoretikerin. Die Begriffe Identität, Ästhetik, Politik und Gender kommen in ihrem vielfältigen Werk nicht vor. Mit dem Pathos des frühen 20. Jahrhunderts spricht sie von Geist und Gestalt, Heimatlosigkeit und Verwurzelung, Form und Seele, Mann und Frau. So entwickelt sie in ihrem Buch Vom Sinn der Liebe (1912) eine Metaphysik der Geschlechterdifferenz, die zwar mit biologistischen Begriffen von Zeugen und Gebären operiert, dabei aber entscheidende Momente heutiger kritischer Diskurse vorwegnimmt. Die Probleme, die Susman thematisiert, sind denn auch modernetheoretisch relevant und überraschend gegenwärtig: Nach dem Ersten Weltkrieg charakterisiert sie die Frage nach einer neuen Gesellschaft vor allem als feministische Aufgabe. Im Aufsatz »Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt« (1926) analysiert sie etwa, dass ein neues weibliches Selbstverständnis zunächst nur »in männlichen Kategorien« gedacht werden kann und also eine ganz neue Form des Zusammenlebens der Geschlechter erfordert. Nach der Shoah skizzierte Susman in Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes (1946) ausgehend vom traditionellen jüdischen Denken, wie das Verhältnis von Partikularismus und Universalismus in der Moderne neu gefasst werden muss: Als Universalismus, der das Partikulare nicht im Namen einer höheren Ordnung vernichtet, sondern die Singularität des Partikularen als seine Bedingung erkennt. Diese Thesen sind für die aktuelle Debatte um Universalismus und Singularität von kritischer Bedeutung und nicht nur im Kontext der Diskussion um die respektive Vergleichbarkeit der Shoah.

Neben der politischen Denkerin ist Susman heute auch als subtile Deuterin und Kritikerin wieder neu zu entdecken. 1910 prägt sie in ihrem Buch Das Wesen der modernen deutschen Lyrik den Begriff des lyrischen Ichs, das »kein gegebenes, sondern ein erschaffenes Ich« ist und das »wie das Kunstwerk selbst, völlig unabhängig von seinen individuellen oder allgemeinen Inhalten seinen rein formalen Charakter bewahrt.« Diese ästhetische Selbstformung hat Susman im eigenen lyrischen Werk, aber auch in ihrer Autobiografie Ich habe viele Leben gelebt. Erinnerungen vorgeführt. In diesem Text berichtet sie u.a. von ihren Beziehungen und Freundschaften mit Georg Simmel, Ernst Bloch, Martin Buber, Karl Wolfskehl und vielen anderen Denkern und Dichtern des 20. Jahrhunderts. Susmans kritischer Blick war dabei literaturhistorisch bedeutsam. Sie nahm die Psychoanalyse produktiv wahr und diskutiert bereits 1929 das »spezifisch Unheimliche« Franz Kafkas als Modernität einer gottlosen Welt – eine originelle Deutung, die impulsgebend für Walter Benjamin und Gershom Scholem war. Einer genauen Lektüre und Kontextualisierung harrt auch ihre Monografie Frauen der Romantik, die zuerst 1929 veröffentlicht wurde. Susman war eine der ersten modernen deutschen Philosophinnen. Eine Generation vor Edith Stein und Hannah Arendt ist Susman als eigenständige Denkerin in Vergessenheit geraten. Enge Mitarbeiterin von Georg Simmel, temporäre Muse Ernst Blochs und Gesprächspartnerin von so unterschiedlichen Figuren wie Buber, Lukacs und Landauer steht sie an einem theoriegeschichtlich bedeutsamen Schnittpunkt des philosophischen Denkens des 20. Jahrhunderts, der genauere Aufarbeitung verdient.

Die räumliche und zeitliche Orientierung, welche die beiden Austragungsorte der Workshops, München und Zürich, im Leben Susmans geben, kann für die Beiträge fruchtbar gemacht werden. Zudem möchten wir zwei Schwerpunkte setzen: in München Susmans Poetik, ihr philosophisches und politisches Denken, in Zürich ihre kritischen Ansätze in Bezug auf Identität, Ästhetik, Politik und Gender, die in vielerlei Hinsichten unüberholt bleiben. Die wechselseitige Verflochtenheit wie auch die innere Kohärenz der Themen sollen dabei aber auch anderseits durch ihren Zusammenhang die Grundlage für ein weiterführendes Gespräch bilden. Die Teilnehmer sind herzlich eingeladen, an beiden Workshops als Diskutanten teilzunehmen, mit einem oder sogar mit zwei Beiträgen. Der Workshop findet mit Unterstützung durch den DAAD, den Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der Münchener LMU, der Stiftung Dialogik – Mary und Hermann Levin Goldschmidt-Bollag und Prof. Dr. Frauke Berndt am Deutschen Seminar der Uni Zürich statt. Wir suchen Beiträge im Sinn von Diskussionsbeiträgen und Thesen, die als work-in-progress noch nicht fertig ausformuliert sein müssen. Eingeladen zum Einreichen eines Vorschlags sind vor allem Doktorand:innen und Nachwuchsforschende.

Organisatorische Kommission: Prof. Dr. Willi Goetschel, Prof. Dr. Yossef Schwartz, PD Dr. Caspar Battegay, Martin J. Kudla .

Bitte übersenden Sie Ihre Kurzzusammenfassung im Ausmaß von 250–500 Wörtern bis zum 15. April 2022 an folgende vier Adressen:

w.goetschel@utoronto.ca
yossef.schwartz@lrz.uni-muenchen.de
caspar.battegay@unibas.ch
martin.kudla@campus.lmu.de

Die Zuteilung zum Workshop (München oder Zürich) erfolgt durch die Kommission. Die Teilnahme an beiden Orten ist ausdrücklich erwünscht. Sollte die Teilnahme nur an einem Ort möglich sein, bitten wir anzumerken, an welchem. Beiträge sind in deutscher und englischer Sprache möglich.